Endgültig am Abgrund…
Ich wache auf und ich bin eingesperrt. Mir ist nicht bewusst etwas Schlimmes getan zu haben. Ich finde mich in der forensischen Psychiatrie wieder. Rote Ziegelsteine – Altscherbitz Leipzig.
Was zum Geier ist eigentlich passiert?
Versuchter Totschlag- steht in der Anklageschrift der Staatanwaltschaft. Häää? Ich hatte das Messer nicht einmal in der Hand.
Das Blatt ist weiß auf dem ich jetzt schreibe, meine Weste ist es für ewig nicht mehr.
Ich befinde mich in einem Sixpack und werde transportiert, natürlich in Handschellen. Nachdem ich eine Nacht im Haftkrankenhaus verbracht hatte, wo ich um meine letzten paar Zigaretten und mein Feuerzeug beklaut worden war, werde ich endlich in eine Psychiatrie gebracht.
Ich sage dem Beamten: „Zum Glück bin ich privat versichert und bekomme ein Einzelzimmer.“ Er grinst und sagt: „Sie werden ihre Krankenversicherung nicht belasten, sie werden auf Staatskosten untergebracht“.
Paragraph 63 schuldunfähig (das klingt besser als man glaubt) und Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. Was zunächst heißt sich auszuziehen. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert und man tritt einer Reihe von Leuten nackt entgegen. Moment, ich vergaß, es gab etwas, um sich zu bedecken- eine Einwegunterhose aus Plastik- tot-chic.
Ich finde mich in einer gefliesten Zelle, welche von einer Glaswand begrenzt ist, wieder. Ganz genau wie in dem Falco-Video „Jeanny“. Nur habe ich nicht mal eine wärmende Zwangsjacke an. Ich habe Hunger, mir ist kalt und meine Geduld ist am Ende. Nach einer ewigen Krakeelerei wird mir ein Telefonat mit meinem Anwalt gewährt. Welchem Anwalt?????
Ich bin nackt in einer Zelle und alle Leute um mich herum behandeln mich wie ein Virus, der nur mit einer Pinzette angefasst werden darf.
ISO-Zelle Forensik Leipzig, mein Untergang. Ich weine, schreie, zähle die Fliesen, es ist egal niemand interessiert es. Ich habe mich noch nie im Leben so hilflos gefühlt. Ich wähle einen Anwalt, der mir noch in guter Erinnerung ist, aber ehrlich gesagt, hätte man mir den Teufel zum Gespräch anbieten können, ich wäre weitaus erfreuter gewesen, denn er hätte mir wahrscheinlich mehr bieten können. Sie sagt mir, dass sie nicht nachvollziehen kann wieso ich in der Forensik gelandet bin und vertröstet mich auf einen kommenden Anhörungstermin.
Während ich weiter behandelt werde wie der letzte Dreck, kann ich nur sitzen und warten. Just sit and wait oder in meinem Falle besser wait and bleed.
Zwischendurch wird diese Prozedur durch Schreikrämpfe gewürzt, was meine Pfleger und auch meine Mitinsassen, welche sich noch hinter einer geheimnisvollen Tür befinden, die sich wiederum hinter der Glaswand befindet, sehr erfreut, wie mir später berichtet wurde. Man sollte meinen, dass diese Gummizelle schalldicht verschlossen ist, aber nein. Ich dachte 3 Hand breit Beton helfen…
Mir wird klargemacht, dass ich mich „besonders“ schlimm anstelle und natürlich wird mein Verhalten auf meine Krankheit zurückgeführt. „Sie sind krank, aber unsere Geduld hat Grenzen.“ Welche Medikation ich in dieser Zeit erhalten habe, ist mir entfallen.
Die Pillen, unter denen sich sicher auch Benzos befanden, hatten unter diesen Umständen kaum eine beruhigende Wirkung auf mich. Essen gab es durch eine Luke, ich weiß nicht mehr was, aber es schmeckte nicht gerade berauschend und war immer zu wenig.
Ich hatte ein Gewicht von 60kg bei einer Körpergröße von 1,86m. Ich war ausgehungert.
In den letzten Wochen hatte ich kaum geschlafen und sehr wenig gegessen. Hier war allerdings nicht gerade der Ort, um sich davon zu erholen.
Der Stresslevel steigt und wenn man 24h rund um die Uhr von einer Kamera beobachtet wird, beim Essen, Schlafen und sogar beim „Kacken auf Knopfdruck“ (das Klo befand sich hinter der Glaswand und war ohne fremde Hilfe nicht erreichbar), dreht man durch.
Als wenn man nicht krank genug wäre.
Mann war ich froh, dass ich diesen Knopf hatte, es gab eine Sprechanlage in meiner Zelle, nur waren die entsprechenden Personen meist temporally not available.
Nach ca. drei Tagen wurde ich erstmals meinen Mitpatienten vorgeführt. Eine illustre Gesellschaft von Kinderschändern, Mördern und Vergewaltigern, alle psychisch krank. Sie hassten mich auf dem ersten Blick. Allerdings hielt sich meine Sympathie ebenfalls in Grenzen.
Klaus und Erwin waren ca. 50 Jahre alte Kinderschänder, sie pflegten ihre psychische Krankheit, weil sie Angst hatten im Knast zu landen. Sie führten hier die Truppe an. Ich befand mich in einer Hierarchie wieder, in der der Erste und Stärkste der Chef und der letzte der gefickte ist- ICH.
Ich durfte mein Zimmer beziehen, ein Doppel-Appartement mit allen Schikanen. 2 Betten, einem Tisch, 2 Schränken, ein Waschbecken und das wars. Das Ganze auf ca. 10 qm. Wir hatten ein Fenster, welches allerdings vergittert war. Der Ausblick: eine Mauer.
Mein Zimmergenosse hieß Sven, er hatte angeblich ein Polizeiauto samt Insassen angebrannt, er war seit 15 Jahren hier. Das gab mir zu denken. Er war verdammt hässlich, ca. 40 und dauergereizt und hatte ständig einen Grund, mir klar zu machen, dass ich das Arschloch hier bin.
Trotzdem schenkte er mir ein paar Schuhe und einen Pullover, als ich sagte, dass mir kalt ist. Ich hatte zunächst nix als eine Hose und ein T-Shirt. Meine Boots wurden mir abgenommen so hatte ich keine Schuhe mehr. Es war Winter in Deutschland, aber es schneite nicht.
Ich durfte zunächst nicht am Hofgang teilnehmen. Ich war in der Station gelandet, auf denen die hoffnungslosen Fälle eingelagert wurden und die Neuankömmlinge begutachtet wurden.
Therapie gab es zunächst für mich nicht. Ich befand mich in U-Haft. Ich hatte ein paar Gespräche mit einer Therapeutin, die aber kurz darauf in Schwangerschaftsurlaub ging.
Dann kamen ein Neuer und wieder ein Neuer. Therapie hieß hier für mich nicht das, was ich in meinem bisherigen Leben als solches kennen gelernt hatte, sondern es handelte sich um eine reine Kummerbriefkasten Thematisierung, und ich hatte viel Kummer. Meine Freundin ist mir davongelaufen, meine Wohnung wurde mit samt 6 Aquarien aufgelöst ohne dass ich dabei sein konnte.
Wat soll ich denn noch sagen…es ist doch alles schon gesagt.
Nach einer Weile viel mir das Sprechen immer schwerer. Mit wem sollte ich auch reden?
Ich war immer noch hier zwischen grinsenden Fratzen, die offenbar mit dem Zustand hier zu sein, vollkommen klarkamen, viele von ihnen, wie die oben genannten Kanallien, waren froh hier zu sein und nicht in den Knast zu müssen.
Ich war überhaupt nicht froh über den Zustand. Ich glaube es war dienstags zur Gruppenversammlung, an denen ich mit Suizid und Selbstverstümmelung zu drohen begann. Die Antwort des wortführenden Pflegers war nur: „Dann machen Sie das ruhig!“…man wurde nicht ernst genommen, das machte mich wahnsinnig. Aber wie sollte man auch an sich herumschnippeln, wenn nix geeignetes zu bekommen war. Ich versuchte es mit Schlägen gegen die Mauer oder rannte beim, mir mittlerweile gewährten Hofgang, gegen die Stahltür. Erbärmliche Versuche, die nicht einmal eine Platzwunde zum Vorschein brachten.
Ich wurde belächelt und das, obwohl ich noch kurz zuvor Anwärter für das Amt des Kaisers gewesen war. Es war ein Teil dieser Psychose, ich war felsenfest davon überzeugt ein Nachkomme von Friedrich I. Barbarossa oder eher seines Enkels Friedrich II. von Hohenstaufen zu sein. Ganz Deutschland wollte mich als neuen Kaiser sehen, nur ich wollte das nicht.
Trotz allem wurde man auf Selbstverletzungen kontrolliert. Die Konsequenz hieß mindestens einen Tag ISO-Zelle. Das durfte ich spüren, als ich meinen Intimbereich rasierte. Ich wurde nach vorne gebeten und durfte mich mal wieder in voller Blöße präsentieren. Es hätte ja sein können, dass ich mir den Sack oder den Schwanz abschneide. Endschuldigen Sie bitte die Ausdrucksweiße, aber der Psycho-Knast prägt.
Das Schlimme hier am Psychoknast oder sagen wir Maßregelvollzug (so heißt es offiziell) ist, man weiß nicht, ob man und wann man wieder rauskommt.
Man kennt ja den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ so ähnlich ging es mir, nur war es bei weitem nicht so lustig.
Ich wartete zunächst auf meine Anhörung. Die kam relativ schnell, da ich Haftbeschwerde eingereicht hatte, d.h. ich habe irgendwas geschrieben, und irgendwer interpretierte es richtig.
Zu mehr war ich in diesem Moment nicht fähig.
Ich wurde in Handschellen dem Richter vorgeführt, und meine Anwältin hatte Zeit, eins, zwei Sätze zu sagen. Das war alles.
Der Richter sagte mir „Ich kann Sie nicht rauslassen…“. Dann fing ich an zu weinen und fragte, wer sich wohl um meine Schildkröten und Fische kümmere? Die Antwort war: „Da wird sich schon jemand finden!“
Draußen sagte dann meine Anwältin zu mir „Wo das Leid am größten ist, da ist Gott am Nächsten.“ Das war es auch schon…zurück ging es ins Ungewisse und in die Gefangenschaft.
Tja, jetzt passierte eine Zeit lang gar nix mehr. Was soll ich sagen, wenn man hier ist, passiert wirklich nix.
Nach dem einen oder anderen Wechsel bekam ich einen neuen Zimmergenossen. Er hatte in seiner Psychose seine Mutter zersägt. Das wusste ich nicht von ihm, sondern aus der BILD-Zeitung. Ein sympathisches Kerlchen, nein ehrlich, ich hatte die ganze Zeit über keinen so angenehmen Mitpatienten wie ihn. Er hatte wenigstens noch etwas in der Rübe und man konnte sich noch mit ihm unterhalten. Seine Psychose war wohl schon vorbei.
Ich bin heute wegen versuchten Totschlags vorbestraft und mein Leben ist nicht mehr dasselbe, auch wenn ich jetzt wieder frei bin. Ich lebte eine gruselige Zeit bei meinen Eltern, weil es mir befohlen wurde, wo sollte ich auch hin…
Selbst nach meiner „Befreiung“ durch das Gericht, fühlte ich mich immer noch gefangen, monatelang. Ich war nicht im Stande, mich frei zu bewegen.
Der Schmerz sitzt tief…viel zu tief. Ich bewegte mich wochenlang nach der so genannten psychiatrischen Behandlung wie ein Zombie.
Heute (ca. 2010) stehe ich hier und frage mich, ob das alles so hätte passieren müssen.
Ich bin ja ein kluges Kerlchen, wurde mir jedenfalls gesagt. Keine Schuld wird dir verziehen, wenn du einmal die ISO-Zelle erlebt hast.
Ich habe schon vieles erlebt in meinem Leben, aber so was wie hier kannte ich seit meiner Schulzeit nicht mehr.
Ich stehe kurz vor meinem 30. Geburtstag. Ich habe meine Schule absolviert, bin ins Gymnasium gegangen, habe mein Abitur gemacht und ein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaftslehre hinter mir.
Ich war schon mehrere Male in der Psychiatrie, allerdings noch nie hier. Diagnosen hatte ich schon viele: von Manisch-Depressiv über Borderline-Persönlichkeitsstörung bis hin zur Schizophrenie.
Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist.

Anmerkung 2018: Tja hier hatte ich später auch noch das Vergnügen meinen 30. Geburtstag zu „feiern“…damals war das Objekt noch mit einem viermeterhohen Stacheldrahtzaun umgeben. Man nannte es das „Vogelhaus“…