11. Raus

Man gewöhnt sich ja irgendwie an alles

Nach meiner achtmonatigen U-Haft im Maßregelvollzug, kam es zu meiner Gerichtsverhandlung. Ich wurde in Handschellen zum Landesgerichtsgebäude transportiert. Beim Landesgericht wurde verhandelt, weil ich, wie erwähnt, Haftbeschwerde eingereicht hatte. Der Saal war voll und ich wurde von der Presse (Bild-Zeitung, Morgenpost, LVZ) ungefragt fotografiert. Das Bild wurde zwar retuschiert, aber jemand der mich kannte… naja.

Es ging um mein Leben. Ich war mittlerweile zum Glück nicht mehr psychotisch, dafür aber ziemlich depressiv und verängstigt von der Situation. Nach einigen Zeugen und dem Staatsanwalt der die Anklageschrift vorlas, hatte ich das Wort und konnte mich äußern. Das fiel mir in diesem Rahmen verdammt schwer. Ich hatte einfach nur Angst. Ich sagte „Ich wollte meinen Vater nicht umbringen!“, der relativ junge Staatsanwalt meinte dazu, es wäre eine so genannte „Schutzbehauptung“. Anders gesagt: Eine Lüge.

Wenn man psychisch krank und wie ich schuldunfähig ist, scheint der gute alte Satz „Im Zweifel für den Angeklagten!“ keine Bedeutung mehr zu haben. Man ist ja nicht zurechenbar, also potenziell gefährlich. Ich wurde wegen versuchten Todschlags verurteilt- ein Kapitalverbrechen. Ich durfte mich dazu äußern und ich sagte schluchzend: „Geben Sie mir noch eine Chance.“ Der Gutachter sagt zuvor irgendwas wie: „Der Angeklagte ist weitestgehend geheilt, es wäre jetzt nur noch ein prophylaktisches Wegsperren.“ Mein Urteil wurde auf Bewährung ausgesetzt. Ich kam frei.
Meine Eltern, die mich nicht fallen ließen (Danke noch einmal dafür), nahmen mich zunächst zu Hause bei sich auf. Ich wurde ein letztes Mal in die Forensik transportiert um meine Sachen abzuholen. Innerhalb von 5 Minuten wurde mein Schrank gelehrt. Alles kam in einen riesigen Plastiksack. Ich wurde von meinem Vater abgeholt. Ich hatte kaum Zeit mich von irgendjemand zu verabschieden… ich erinnere mich noch dunkel, dass wir kurz darauf gleich ins Steakhaus gingen, um zu essen.

Ich bin heute wegen versuchten Totschlags vorbestraft und mein Leben ist nicht mehr dasselbe, auch wenn ich jetzt wieder frei bin. Ich lebte ab sofort (mit 30!) bei meinen Eltern, weil es mir gesagt wurde. Wo sollte ich auch hin… Nach der Forensik kam ich nicht mehr alleine klar. Ich hatte mittlerweile einen gerichtlich bestellten Betreuer, der mich unterstützte und eine Bewährungshelferin die mich kontrollierte. Selbst nach meiner „Befreiung“ durch das Gericht, fühlte ich mich immer noch gefangen, monatelang. Ich war nicht im Stande, mich frei im Leben zu bewegen. Der Schmerz sitzt tief… viel zu tief.

Ich bewegte mich wochenlang nach der sogenannten psychiatrischen Behandlung wie ein Zombie. Es stellte sich ein Vakuum ein. Es füllte sich zwar (sehr) langsam mit Luft… aber 10 Jahre danach hat sich zwar viel verändert… … aber irgendwie war ich bis zum heutigen Zeitpunkt (2018) wohl einfach „medikamentenweichgespült“.

To be continued…>